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Abiball Bammental

 

Was für den Schüler Homeschooling und den Büroangestellten Home-Office ist, das ist für den Veranstaltungstechniker der Livestream. Seit Anfang März dreht sich die Welt anders. Sie dreht sich, aber gleichzeitig geschehen viele Veränderungen. Wer das Home-Office anfangs verabscheute, war plötzlich über dessen Möglichkeit froh. Auch die Digitalisierung erlebt seit diesem Zeitpunkt einen Aufschwung. Neue Konzepte für digitale Arbeitsplätze, Wissensvermittlung über Online-Vorlesungen. Kunst und Kultur behelfen sich ebenfalls mit einem einfachen Mittel: dem Livestream.

Anfangs eine coole Idee, um sich und andere aus dem Tristen Alltag zu holen, wurde immer mehr zu einem hochfrequentierten Medium, was vor allem für die Veranstaltungsbranche eine große Bedeutung mit sich zog. Kulturveranstaltungen auf Facebook, Kongresse auf YouTube, der Trend zu Hybriden Events fängt rasant an zu steigen.

Aber auch kleinere Veranstaltungen machten sich diese Technik zu Nutze: Das Gymnasium in Bammental, ein kleiner Ort in der Nähe von Heidelberg, hält lange Jahre die Tradition seine Absolventinnen und Absolventen des Abiturjahrganges zu verabschieden. In gemeinsamer Zusammenarbeit mit dem Technikdienstleister experience Veranstaltungstechnik wird jedes Jahr ein glamouröses Ambiente, ein abwechslungsreiches Bühnenprogramm und natürlich die Ansprachen der wichtigsten Vertreterinnen und Vertreter der Schule und der Region umgesetzt.

Was seit Mitte 2019 geplant wurde, musste 2020 recht schnell wieder über Bord geworfen werden. Jedoch war man sich in einer Sache sicher: Der Abiball wird stattfinden, wie auch immer.

Recht schnell wurde sich auch hier für ein Hybrides Konzept entschieden. Die Absolventinnen und Absolventen sollten nach wie vor Ihre Abschlusszeugnisse im Beisein ihrer Eltern von der Schulleitung überreicht bekommen. Gleichzeitig wollte man aber auch Freunde und Verwandte nicht ausgrenzen. So entschloss man sich die Abiturientenfeier per Livestream in die heimischen Wohnzimmer zu übertragen.

Das zuvor erarbeitete Programm, was in gemeinsamer Absprache mit dem Kunden und dem Technikdienstleister umgesetzt werden soll, sah folgendermaßen aus:

Die Übergabe der Abiturzeugnisse, umrahmt von Ansprachen und Musikstücken der Schul-Big-Band.
Um der Tradition gerecht zu werden, wurde für jeden Schüler in der Vergangenheit ein kurzer Ausschnitt des Lieblingssongs sowie ein Kinderbild desjenigen gezeigt. Das sollte auch weiterhin ein wichtiger Bestandteil sein. Leider mussten hier Abstriche gemacht werden, da das Veröffentlichen von Songs nicht so ohne Weiteres über den Stream möglich ist. Das Zeigen der Bilder konnte dafür problemlos umgesetzt werden.
Auch die Ansprachen der Schulleitung, der Elternvertretung, des Bürgermeisters sowie des Abiturjahrganges selbst wurden weiterhin fest eingeplant. Für die musikalische Unterstützung sorgte die Big Band des Gymnasiums. Lediglich auf das von den Schülern geplante Bühnenprogramm musste leider verzichtet werden.

Aber wie setzt man so einen Live-Stream am besten um, was gilt es zu beachten und was benötige ich an Material?

Um einen Überblick zu verschaffen, wird die Aufteilung anhand der verschiedenen Gewerke gemacht:

Tontechnik:

Der größte Koordinationsaufwand der Tontechnik war die Aufteilung der örtlichen Beschallung mit gleichzeitiger Versorgung des Livestreams. Anhand der überschaubaren Programmpunkte wurde sich dafür entschieden, den Live-Ton per Matrix dem Stream zur Verfügung zu stellen. Dies sparte nicht nur Zeit, sondern auch wichtige Ressourcen.

Herzstück war das Mischpult SQ5 in Zusammenarbeit mit dem Stagerack DX168, beides aus dem Hause Allen & Heath. Ansprachen sowie die Big-Band wurden mit passenden Mikrofonen ausgestattet. Die Summe der Signale wurde im Mischpult verarbeitet und so für die Location gemischt. Das Signal für den Stream wurde via Matrix per XLR-Leitung an den ATEM Television Studio HD der Firma Blackmagic Desing geschickt, wo Ton und Video zusammengefügt werden. (Dazu bei der Videotechnik mehr)

Videotechnik:

Sowohl die Bildaufzeichnung, als auch die Bildverarbeitung sind die zwei wichtigsten Bestandteile des Gewerkes. Um alle Programmpunkte gut einzufangen und gleichzeitig Bewegung für den Zuschauer zu Hause zu bieten, wurde sich für fünf verschiedene Kameras auf fünf verschiedenen Positionen entschieden:

  • 2x Sony Alpha 7 III
  • 2x Marshall CV506
  • 1x Canon Legria HF G30

Neben vier fest eingerichteten Kameras für die verschiedenen Szenenbereiche (Bigband und Bühne) wurde eine Kamera direkt am Platz des Videotechnikers aufgebaut, sodass dieser jederzeit die Möglichkeit hatte in das Geschehen einzugreifen.
Alle Signale wurden sowohl per SDI als auch direkt per HDMI an den Videomischer ATEM Television Studio HD gesendet, um dort verarbeitet zu werden. Um auch den Zuschauern zu Hause das Gefühl zu geben, live mit dabei zu sein, wollte man das Anzeigen der Kinderbilder in den Live-Stream integrieren. Hierfür wurde sich für eine Picture-in-Picture-Lösung (Bild-in-Bild – kurz: PiP) entschieden, was ebenfalls dank des ATEM umgesetzt werden konnte. Zusätzlich wurde ein HyperDeck Studio Mini (ebenfalls von Blackmagic Design) angeschlossen. Dieser zeichnet den kompletten Stream (Bild und Ton) auf 2 SD-Karten auf, um diesen anschließend z. B. dem Kunden als Datei zur Verfügung zu stellen. Auch diese Kommunikation war ausgehend von dem ATEM Television Studio HD.

Die Einblendungen der Kinderbilder wurden durch einen Zuspieler über ein weiteres Notebook gemacht. Mit Hilfe der Software QLab konnten die einzelnen Bilder in richtiger Reihenfolge als sogenannte Cues zugespielt werden. Auch hier diente der ATEM zur Umsetzung der PiP (Picture-in-Picture) Lösung.
Benutzeroberfläche der Software QLab

Sämtliche Bildwechsel und PiP-Lösungen wurden durch den Videotechniker mittels der Software des ATEMS umgesetzt. Somit konnte auf zusätzliche Hardware verzichtet werden.

Stream:

Um sowohl Bild als auch Ton dem Zuschauer zuhause zur Verfügung zu stellen, muss das Gesamtsignal zuerst an das dafür notwendige Notebook gesendet werden, um es anschließend auf einer Plattform zu veröffentlichen.
Das zuvor kombinierte Signal aus Video und Ton wurde von dem Videomischer ATEM Television Studio HD per SDI an einen Blackmagic Web Presenter (der Name lässt die Firma ebenfalls erahnen) gesendet, das sozusagen als Interface für den Laptop diente. Mit diesem Gerät können sowohl eine HDMI- als auch eine SDI-Quelle in ein 720p Signal umgewandelt werden, welches das Notebook sozusagen als Webcam erkennt und dies dementsprechend als Inputsignal verwertet werden kann.

Die Plattform:

Content auf Plattformen zur Verfügung zu stellen, zeigt sich z. B. anhand von Instagram als sehr einfach. Man macht ein Foto mit seinem Smartphone, bearbeitet dies kurz anhand vorhandener Filter und lädt es dann für die ganze Welt hoch. Dieses Konzept ist beim Streaming nicht anders – nur kann man dies wesentlich komplexer, aber dafür auch wesentlich kreativer gestalten:

Als Plattform wurde sich YouTube entschieden, da es die Möglichkeit bietet, das Video nur für die Zuschauer sichtbar zu machen, die über den entsprechenden Link verfügen. Gleichzeitig ist es dort möglich, mit Hilfe einer Streaming-Software auch hochwertiges Material zu veröffentlichen – in unserem Fall einen Abiball.


Oberfläche YouTube zum Einrichten des Streams.

Um das Ganze zu realisieren bietet YouTube die Möglichkeit, dass man den Live-Stream nicht per Webcam, sondern mit Hilfe einer Streaming-Software veröffentlichen will. Der Unterschied hierbei ist, dass sowohl Software als auch YouTube mittels RTMP (Real Time Messaging Protocol) kommunizieren. Das von Adobe Inc. entwickelte Netzwerkprotokoll kann so Daten von meinem Media Server zu einem Flashplayer über das Internet übertragen. Die Streaming-Software stellt hierfür einen Link und einen Schlüssel bereit, den man auf der jeweiligen Streaming-Plattform (hier YouTube) einfügen muss, schon steht die Übertragung vom Notebook zu YouTube.


Bedienoberfläche der Streaming-Software OBS (Open Broadcaster Software)

Die Software, von der wir hier schon die ganze Zeit sprechen, ist OBS (Open Broadcaster Software). Das kostenlose Programm ermöglicht es nicht nur Inhalte in Echtzeit zu übertragen, sondern diese vorher nochmals zu bearbeiten und anzupassen. Dort ist es z. B. möglich, mit Hilfe von Plug-Ins weitere Anpassungen vorzunehmen, weitere Texte einzubinden und sogar zusätzliche Video- und Bildsignale einzuarbeiten. Gleichzeitig ist es möglich, Bildwechsel vorzunehmen, um z. B. Wartebilder, Countdowns oder Infotexte spontan einzubinden.
Dies ermöglichte uns ebenfalls, einen Countdown vor dem Beginn der Veranstaltungen einzuspielen. (Die Software Snaz ist hier zu empfehlen – einfach und effektiv. Sie erstellt sich immer wieder aktualisierende Textdateien, die automatisch als Countdown aufgebaut werden können.)

Auch das Einbinden von LUT (Lookup-Tabelle) ist möglich. (Sollte für die Videofreaks unter uns nicht ganz uninteressant sein.)
Aber nicht nur hochwertiges Material ist für eine erfolgreiche Umsetzung wichtig. Auch beim Personal sollte man auf Fachleute zurückgreifen. Am Ende des Tages war folgender Personaleinsatz NUR für die Umsetzung des Livestreams verantwortlich:

  • Tontechniker (Mix für Band, Redner und Einspieler)
  • Videotechniker (Positionierung der Kameras und deren Bildwechsel)
  • Streamer (Einrichtung und Überwachung des Streams + Abfeuern der Cues)

Gleichzeitig war noch folgendes Personal für die Umsetzung vor Ort anwesend: 

  • Lichttechniker
  • Veranstaltungsleiter

Inhalte für Menschen im Internet zu veröffentlichen ist heutzutage kein Hexenwerk mehr. Jedoch ist die Art der Umsetzung und vor allem die Qualität dessen immer noch mit viel Know-How verbunden. Die richtige Hardware, Software und vor allem notwendige Personal zeigen, dass auch traiditionelle Veranstaltungen ihren Weg in das World Wide Web finden, um auch in ungewöhnlichen Zeiten die schönen und vor allem wichtigen Momente mit den Menschen zu teilen, die wir lieben.


Übersichtsplan und Anschlussplan des Livestreams